Verblasste Spuren

Obermayer German Jewish History Award 2015 

Zum Holocaust-Gedenktag: Erinnerung an Lore Levy (1920-1943)

Heute vor 81 Jahren wurde der Lagerkomplex von Auschwitz von der Roten Armee befreit. Wie in jedem Jahr soll auch der 2026er Jahrestag dazu genutzt werden, an ein Einzelschicksal zu erinnern. In diesem Jahr ist der Beitrag Lore Levy aus Altenburg gewidmet.

Lore Levy, um 1930Lore Levy wurde 1920 gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Lotte (1920-1996) in Altenburg geboren. Ihre Eltern waren Albert Levy (1886-1943, ermordet) und Franziska „Fränze“ geborene Bucky (1895-1943, ermordet). Sie hatte noch drei weitere Geschwister: Hans „Henner“ (1915-2005), Ruth (1918-2009) und Renate (1923-1943, ermordet). Lore Levy wurde in eine der angesehensten jüdischen Familien Altenburgs geboren. Ihr Vater war der Geschäftsführer und Mitinhaber des größten Kaufhauses der Region: M. & S. Cohn. Dieses Unternehmen beschäftigte in seinen Spitzenzeiten über 180 Beschäftigte in 40 Abteilungen. Anerkennend bezeichnete man Albert Levy wegen seiner Großzügigkeit gern auch einmal als „zweiten Bürgermeister“.

Lore Levy wuchs behütet im Haus Bismarckstraße 2 (Rudolf-Breitscheid-Straße) auf, in dem neben der Familie Levy auch noch die Großeltern Sally Bucky (1866-1940, Tod imGeburtsanzeige, 1920Exil) und Marianne geborene Cohn (1867-1943, ermordet), Großtante Philippine „Pinchen“ Cohn (1858-1942, ermordet) und Onkel Gerhard Julius Bucky (1908-2002) lebten. Das Haus war liebevoll eingerichtet und es gab regelmäßige Hauskonzerte (Lore spielte Violine und Klavier), Lesungen oder Billardpartien. Obwohl die Familie wohlhabend war, erzogen die Eltern ihre Kinder bodenständig und der Begriff der „Herzensbildung“ war Dreh- und Angelpunkt der charakterlichen Erziehung. Reisen, wie zum Beispiel in das Ostseebad Kolberg (Kolobrzeg) oder nach Bad Gastein, sorgten in den Schulferien für dienötige Erholung und Abwechslung. Von 1927 bis 1931 besuchte Lore Levy mit ihrer Zwillingsschwester die Neustadtschule in Altenburg, danach die Höhere Töchterschule Karolinum. Dort wurden die Levys in den 1930er Jahren auch zunehmend mit Antisemitismus konfrontiert. Sie wurden im Klassenzimmer separiert, man durfte nicht mehr mit ihnen sprechen und selbst tätliche Übergriffe waren an der Tagesordnung, Anfeindungen sowieso. Wohl um 1936 – ein genaues Datum ließ sich Lore und Lotte Levy, Einschulung 1926nicht ermitteln – verließen dieSchwestern das Karolinum. 1937 begann Lore Levy eine Ausbildung als Krankenpflegerin am Eitington-Krankenhaus in Leipzig. Fritz Leiser (1912-2011), Abteilungsleiter im Kaufhaus M. & S. Cohn, wurde schon als Schwiegersohn behandelt und lebte zeitweilig im Haus Bismarckstraße 2. Er wurde – genau wie Albert Levy und Sally Bucky – im Zuge der Pogromnacht in den Morgenstunden des 10. November 1938 aus den Betten geholt und unter Misshandlungen zum Polizeigefängnis verschleppt. Albert Levy und Fritz Leiser kamen zwei Tage später ins Konzentrationslager Buchenwald. Lore und Lotte Levy konnten die beiden am 18. November 1938 abholen. Wie Schwester Lotte später beschrieb, haben sie den stets gut gekleideten und wohlgenährten Vater trotz des nur kurzen Aufenthaltes im Lager kaum wiedererkannt, zudem habe er wiederkehrend Albträume erlebt. Gemeinsam mit dem Vater und den Schwestern Lotte und Renate emigrierte Lore Levy acht Tage später in die Niederlande, wo Franziska Levy schon seit 1937 aus Angst vor der Gestapo lebte. Fritz Leiser folgte mit Lores Großeltern im Dezember 1938.

In Nieuwer Amstel (Amstelveen) versuchte die Familie dann zunächst, zur Ruhe zu kommen. 1939 reiste die Familie zu Hans und Ruth, die schon 1936 und um den JahreswechselLore Levy, 1938 1938/39 nach Südafrika emigriert waren. Lotte Levy bat ihren Vater, zum Zwecke des Erlernens der Sprache in Südafrika bleiben zu dürfen und flehte auch ihre Zwillingsschwester an, dort zu bleiben. Doch sie wollte zurück zu ihrem Verlobten und kehrte in die Niederlande zurück. Dieser sollte mit einigem Geld seines Schwiegervaters für Lore und sich eine sichere Heimat finden und emigrierte 1940 nach Chile. 1942 zogen die Levys nach Amsterdam und Lore begann im selben Jahr, im Rusthuis Blog als Altenpflegerin zu arbeiten. Genau wie auch ihre Eltern, ihre Schwester Renate und Großmutter Marianne wurde Lore Levy im Sammellager Westerbork interniert. Am 21. Juni 1943 wurde sie hier registriert. Am 7. September 1943 wurde Lore Levy mit ihren Eltern und ihrer Schwester von dort nach Auschwitz deportiert. Drei Tage später erreichte der Transport den Schreckensort. Der 10. September 1943 dürfte bereits der Todestag von Lore Levy sein, auch wenn er offiziell unter dem 30. November 1943 festgestellt wurde. Seit 2015 erinnern „Stolpersteine“ vor dem Wohnhaus der Familie auch an Lore Levy.

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